We are here for you!

 

We provide online consulations completely anonymous via email-consulting and chat

Leitfaden für Psycholog*innen/ Therapeut*innen im Umgang mit sich radikalisierenden Patient*innen

(Aus Gründen der Lesbarkeit ist im Folgenden die Rede von Patient*innen. Da suggeriert einen rein therapeutischen Kontext. Die Ideen und Hinweise beziehen sich jedoch darüber hinaus auch auf sub- und nicht-klinische Unterstützungsangebote, wie psychologische Beratung und Coaching.)

Ihr*e Patient*in macht problematische, möglicherweise gewaltverherrlichender Aussagen und/oder zeigt Abneigung gegenüber anderen Personen auf Basis ihrer Gruppenzugehörigkeit? Ihr*e Patient*in spricht in einer Weise (z.B. in Bezug zu Glaube), die Ihnen absolut oder extrem vorkommt? Sie nehmen wahr, dass Ihr*e Patient*in unter dem Einfluss religiös-ideologischen Gedankenguts oder entsprechend geprägten Personen und Gruppen steht?

Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrem psychotherapeutischen Ansatz nicht zu der betreffenden Person durchdringen können?

Oder womöglich sind Sie einfach unsicher, „ob da mehr ist“ und wollen gerne Orientierung gewinnen oder sich eine „zweite Meinung“ einholen?

Gerne wollen wir Sie unterstützen.

Ob Ihre Sorgen auf einer Grundlage fußen oder nicht, ist zweitrangig – wichtig ist, dass sie da sind und Umgang fordern. Wir wollen Sie damit nicht alleine lassen. Schreiben Sie unseren Berater*innen gerne jederzeit.

Hier möchten wir Ihnen einige erste Ideen geben, die Ihnen in Ihrer Situation weiterhelfen können:

 

     1. Hören und schauen Sie genau hin!

Oft sind ablehnende Kommentare gegenüber anderen Personengruppen, gewaltverherrlichende Aussagen und das Zuwenden zu autoritären Gruppen Anzeichen von Identitätskonflikten, Orientierungslosigkeit und der Suche nach Sinn. Hören Sie genau hin, begegnen Sie der Unsicherheit mit Verständnis und helfen Sie der Person, Ihre Konflikte und Bedürfnisse besser kennenzulernen. Überlegen Sie auch selbst: Was könnte die Motivation hinter dieser und jener Aussage sein? Konfrontieren Sie die*den Patient*in damit. Schauen Sie nicht zuletzt auch bei sich genau hin. Wenn Sie eine Ansicht ablehnen, was steckt darin womöglich von Ihrem eigenen Hintergrund und eigenen Normen?

 

2. Bieten Sie eine verlässliche Beziehung!

Die (bisher unerfolgreiche) Suche nach bedeutsamen Beziehungen und gegebenenfalls wiederholte Enttäuschungen in sozialen Beziehungen können das Haltsuchen in extremen Meinungen und autoritären Gruppen begünstigen. Das Kennenlernen von stabilen und positiv gestalteten Beziehungen – in denen sie z.B. Vertrauen erleben, Freiraum wahrnehmen und ihre eigenen Stärken entdecken können – kann diesen Prozessen entgegenwirken.

 

3. Zeigen Sie der Person, dass Sie sie wahrnehmen und geben Sie ihr Raum!

Patient*innen, die rigide Denkmuster zeigen und aggressive Aussagen tätigen, haben häufig bereits viele Ablehnungserfahrungen gemacht und erwarten die Wiederholung dieser womöglich bereits implizit. Das kann zu einer Erhöhung der „Lautstärke“ führen, die extrem wirken mag. Geben Sie der Person Raum, Ihre Meinung, ihre Zweifel und Emotionen wie Wut, Angst und Scham zu äußern, gegebenenfalls selbst, wenn sie Ihnen radikal vorkommen mögen. Kommen Sie ins Gespräch, zeigen Sie dabei, dass Sie die Person ernst nehmen. Gezieltes Fragen danach, warum eine Person bestimmte Dinge sagt oder tut, ein Infragestellen einzelner Aussagen (nicht jedoch der Person per se) sowie das (wertneutrale) Bieten von alternativen Beispielen und Blickwinkeln können wichtige Denkprozesse auslösen.

 

4. Vereinbaren Sie gemeinsam Grenzen!

Welche Äußerungen liegen im Rahmen der Meinungsfreiheit und welche überschreiten Grenzen? Entwickeln und vereinbaren Sie gemeinsam mit dem*der Patienten*in ein Regelwerk, das festsetzt, in welchem Rahmen sie das Miteinander gestaltet wünschen und selbst gestalten möchten. Das schafft normative Orientierung und Selbstwirksamkeit: Der*die Patient*in fühlt sich an der Regelsetzung beteiligt, versteht sie als Ergebnis eines gemeinsamen Aushandlungsprozesses und akzeptiert sie so eher.   

 

5. Holen Sie sich Unterstützung!

Das wichtigste ist: Sie sind nicht allein. Sollten Sie unsicher sein, wie Sie sich gegenüber einer*m Patient*in  verhalten sollen, sprechen Sie mit Ihrer*m Supervisor*in oder wenden Sie sich an die Berater*innen von EMEL – um sich selbst zu entlasten und eine zusätzliche Perspektive zu gewinnen.

 

Wir hoffen, dass diese Anregungen Ihnen eine erste Orientierung geben konnten. Eine individuelle Beratung können sie jedoch nicht ersetzen. Die Berater*innen von EMEL stehen Ihnen professionell, anonym und kostenfrei zur Verfügung.